Großer Konzertabend des Ensembles musikFabrik im WDR von RAINER NONNENMANN

Größere Extrempole lassen sich kaum denken. Unter dem Motto „Geräusch & Gesang“ kombinierte das Kölner Spitzenensemble für neue Musik im 36. Konzert seiner Reihe „musikFabrik im WDR“ die Uraufführung von Carola Bauckholts „Schlammflocke“ mit der Deutschen Erstaufführung von György Kurtágs „Vier Liedern nach Gedichten von Anna Achmatowa“.

Die Kölner Komponistin zeigt Risikobereitschaft und Erfindungsgeist wie wenige. Sie verwendet Klänge aus der Alltagswelt oder von stark außermusikalischer Prägung, die sie jedoch genuin musikalischer Wahrnehmung zugänglich macht. Ihre John Cage-Hommage „Geräusche“ von 1992 ist ein Kabinettstückchen für Cremetube, Bleistift, Kassettenhülle, Klebeband und andere Accessoires, deren scheinbar banales Material dank prägnant durchkomponierter Soli und Duette erstaunliche Intensität entfaltet.

In „Schlammflocke“ lässt Bauckholt Tierstimmen auf herkömmlichen Instrumenten imitieren. So mutiert das Ensemble zum Viehbestand von Old McDonalds Farm, mit zwitschernden Geigen, blökendem Fagott, quakender Oboe, schnatternder Klarinette, grunzenden Waldteufeln und muhender Posaune. Nasenflöten und zootaugliches Affengekreisch mischen auch hierzulande fremde Stimmen ins Konzert, bis zum Schluss ein aufbrausender Monsunregen dem schrillen Treiben ein Ende setzt.

Herausforderungen über die angestammte Instrumentalpraxis hinaus fordern auch Enno Poppes „Knabenträume“. Das sprunghafte, fahrige Werk aus seiner Berliner Studienzeit bei Friedrich Goldmann zeigte den zurecht immer stärker gefragten Dirigenten auch als Komponisten. Hier platzen überlaute Trommelschläge ins Geschehen, dort exhibitioniert sich einer Jazztrompete. Blechspielzeug und Pistolenschüsse markieren die im Titel beschworenen Schwellen von Lebensalter und Bewusstseinszustand. Ein halbes Dutzend Blockflöten lässt die Ohren sirren, bevor Harmonika und Kuhglocken elegisch schließen.

Enno Poppe (c) Klaus Rudolph

Durch die Konzertpause abgehoben folgten Kurtágs 2009 in New York uraufgeführte Achmatowa-Lieder. Die russische Dichterin huldigt großen Poeten und militärischen Siegen Russlands. Doch die licht umflorte Heroik schlägt plötzlich mit wenigen Worten in die nachtschwarze Gegenwart des Stalinismus um. Feinste Farbänderungen mit größter Bedeutungsverschiebung kennt auch Kurtágs Musik. Seine Lieder sind wahre Meisterwerk, hoch konzentrierte Miniaturen, deren musikalisch-expressive Verdichtung ganze Szenen eines Romans zu schildern scheint. Mit beredten Gesten und Instrumentalnuancen vermögen sie selbst zu demjenigen zu sprechen, der die Gedichte nicht kennt und kein Wort Russisch versteht. Großer Beifall für Ensemble, Dirigent und den bald 85jährigen Kurtág.

(Herzlichen Dank an Rainer Nonnenmann, der uns diese Kritik freundlicherweise zur Verfügung stellte.)

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