Nasenflöten für zwei Euro das Stück – verrückt, was man damit alles machen kann. Zum Beispiel die durchdringenden Schreie von Gibbon-Affen nachahmen. Carola Bauckholt schickte am Sonntag die MusikFabrik unter Enno Poppe mit solchen Nasenflöten auf die Bäume. Im WDR-Sendesaal tobte, johlte und pfiff es wie im Urwald bei der Uraufführung von Bauckholts Auftragswerk „Schlammflocke“.
Naive Illusion ist allerdings bloß Ausgangspunkt dieser Komposition, nicht ihr Ziel. Bauckholts Arbeiten schärfen von jeher die Aufmerksamkeit, das genau Zuhören, bewusstes Wahrnehmen. „Schlammflocke“ zieht den Hörer erst in die Wildnis, um dann das Bild wieder umzukehren: die Naturlaute verdichten sich immer mehr zu einer musikalischen Textur, genaue Geräuschprofile verschwimmen, die Grenze zwischen Gegebenem und Gemachtem schwankt hin und her. Bauckholt hat „Schlammflocke“ nur zum Teil schriftlich auskomponiert. Die akustische Gradwanderung basiert zu einem erheblich Teil auf intensiver Probenarbeit mit den Musikern. Viele Klänge und Spektren sind hier offenbar erst entstanden. Das Ergebnis: eine der besten, stimmigsten Arbeiten Bauckholts.
Naivität, Kindlichkeit – auch bei Enno Poppe nur eine Folie. In „Knabenträume“ von 1995 hat der damals 26jährige Komponist Klangerzeuger aus Kindheitstagen im Ensemble verteilt: Blockflöten, Melodikas, Rasseln, Aufziehpuppen. Nun ist Poppe alles andere als ein Melancholiker, das Stück denkbar unsentimental, die Stimmung stattdessen hochgespannt, nervös, manchmal beklemmend, auch ein wenig irre. Im dritten Satz verengt sich schrilles Getröte zu einem ohrenbetäubenden Pfeifen, einer akustischen Blendung: Schönheit und Schmerz, zwei Seiten einer Medaille.
Weitgehend ungebrochen der schöne Schein in György Kurtágs Liederzyklus „Anna Achmatova“, der in der russische Sopranistin Natalia Zagorinskaja eine großartige Interpretin fand. Der 84jährige Kurtàg hatte persönlich die Proben überwacht für dieses lyrische Werk in der Nachfolge Alban Bergs. Von Musikern verehrt wie gefürchtet, hatte der strenge Ungar am Dirigat Enno Poppes und der Leistung der MusikFabrik vermutlich nichts auszusetzen. Im Gegensatz zum FC gewinnt das Kölner Ensemble ein Heimspiel nach dem anderen.
(Kritik erschien am 28.10.2010 in der Kölnischen Rundschau – Printausgabe)
